ILF Fuck-

Marmolada 2008

 

 

 

Hüttentour 2. Teil

 

 

 

 

von Stefan Littmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reinhold Messner: „Der Sieg über die Angst, das ist auch ein Glücksgefühl in dem ich mir nahe bin…“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für das gesamte ILF-Team. Danke, dass ihr immer an mich geglaubt habt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teilnehmer:     Marc (der Stier vom Grödnerjoch)

                        Stefan (das Murmeltier vom Parkplatz)

 

 

Reisezeit:        1.8.2008 – 5.8.2008

 

Reiseroute:      Mit dem Auto über München zum Grödnerjoch, zu Fuß Dolomiten Höhenwanderweg Nr. 2 bis Marmolada-Gletscher

Mo. 1.8.

Für diejenigen, die nicht aufgepasst haben: 2005 haben Marc, Kurt und ich begonnen den Höhenweg Nr. 2 zu gehen. Da dieser Weg sehr lang ist und unsere Urlaube kurz, wir also den ganzen Weg nicht geschafft haben, haben wir gesagt wir kommen wieder. Aber nicht so ein dahergeredetes wir kommen wieder sondern wir machen´s wirklich. Also, da sind wa wieder du alte Pflaume. Eigentlich sollte die Tour wieder zu dritt sein. Aber Kurt hatte keine Zeit und ein eiligst von Marc aufgetaner Kumpel musste einige Tage vorher verletzungsbedingt absagen. Nur blöd, wenn dieser Kumpel Fahrer und Fahrzeuginhaber ist. Aber Marc und ich gar nicht blöd, holen sich einen kleinen aber teuren Leihwagen. Eines muss man Opel lassen. Es bleibt spannend… bräuchte ich ein Auto wäre es sicher kein Opel Astra Kombi.

Um 10.00 Uhr holen wir den Wagen ab. Gegen 12.00 Uhr sind alle Formalitäten so weit erledigt, dass wir los können. Dieses Mal wollen wir nicht durchbrettern sondern machen einen kleinen Abstecher in die Weltstadt mit Herz. Dort wohnt rein zufällig Marc´s Schwester. Mit einer Zwischenübernachtung bei Ihr geht sich so eine Tour doch etwas entspannter. Von Ihrer Couch bis zum Grödnerjoch (unserem Einstiegspunkt) ist es nicht weit.

 

Die. 2.9.

Gegen 08.00 Uhr verabschieden wir uns bei Schwesterchen mit der Option, bei der Rückkehr noch mal die Couch in Beschlag nehmen zu dürfen. Auf unserem Weg über den Brenner zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite. Aber wie immer, das sollte sich noch ändern. Wäre doch gelacht, wenn wir uns nicht auch in diesem Urlaub irgendwann nass und frierend fragen: „Warum?“. Aber Gott sei Dank weiß man so was ja nicht vorher. Am Parkplatz vom Grödnerjoch angekommen wird erstmal knallhart mit dem Parkplatz-Beauftragten verhandelt. Man trifft sich bei 4 Euro pro Tag für 6 Tage. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass bei unserer Rückkehr auch zwei Opel Astra Kombis da stehen könnten, oder keiner mehr und es würde wahrscheinlich niemanden interessieren. Aber es ist ja nur ein Leihwagen und persönliche Dinge lassen wir nicht im Auto. Nur Marc´s Navi System wird im Auto versteckt. Ich vermute, er will es sowieso los werden ;-) Wir hoffen darauf, dass die allgemeine Meinung der Italiener über dieses Auto sich mit der Meinigen deckt, sich also keiner dafür interessiert und wir mit dem Ding auch wieder nach Hause fahren. Nun soll es aber ai piedi weiter gehen. Es ist 12.00 Uhr und wir wollen dort weiter machen wo wir das letzte mal aufgehört haben. Also den Klettersteig „Tridentina“ hoch zur Pisciaduhütte und von dort den Höhenweg Nr. 2 weiter. Dazu müsste man natürlich den Einstieg zu eben erwähntem Steig finden. Und da war es auch schon wieder, unser Problem. Die Orientierung. Wir laufen natürlich am richtigen Abzweig vorbei. Irgendwann erscheint uns der Weg zu lang und wir fragen noch mal nach und versuchen auf unserer Karte unsere Position zu bestimmen. Wir sind tatsächlich wieder dran vorbei. Also flugs eine Alternativroute ausgesucht und weitermarschiert. Da bieten sich Weg 651 und 676 an. Wir machen also einen kleinen Umweg zur Pisciaduhütte. Haben aber trotzdem auch eisengesicherte Wege dabei. Also endlich wieder Gurt und Klettersteigset angelegt. Ein gutes Gefühl. Wenn ich nicht nur jetzt schon so K.O. wäre. Irgendetwas in meinem Körper wehrt sich dagegen, dass ich Spaß habe. Also vor dem ersten Klettersteig noch mal rausgetreten zur Sitzung. Macht sich natürlich blöd bei einer Steigung von geschätzten 45°. Marc macht heute also den Vorsteiger und bestellt oben schon mal zwei Bier (deswegen sein Spitzname der Stier vom Grödnerjoch), während ich mich nach erfolgreicher Bezwingung des Steigs Stück für Stück die letzten Meter über das Hochplateau schleppe. Obwohl ich ihm vorher noch mein 50m Seil verkauft habe (Gewichtsoptimierung meines Rucksacks) springt er heute wieder wie eine Bergziege über die Felsen. Heute ist definitiv nicht mein Tag. Um 17.30 genießen wir auf der Terrasse unser erstes Sieger-Pils. Aber man soll ja auch am ersten Tag nicht übertreiben.

Das Wetter ist noch sehr gut. Es kühlt nur recht schnell ab, aber das ist normal für die Höhe. Wir gehen früh ins Bett. Wo alles steht wissen wir ja. Waren ja letztes Mal auch auf dieser Hütte. Vor dem zu Bett gehen besorgen wir uns aber noch „Pässe“. Kleine Bücher ähnlich wie Tauchbücher für Taucher, wo man sich z.B. Stempel der Hütten einstempeln lassen kann an denen man auf dem Weg vorbeikommt. Voller Stolz stempeln wir uns also einen. Sieht schon geil aus, mein erster. Mal sehen wie viele es werden.

Gehzeit: von 12.00 – 17.30 Uhr

Größte Höhe: 2516 m

Meter hoch: 700 m

Meter runter: 250 m

Kilometer geschätzt: ca. 6 Km

 

Mi. 3.9.

Kurz vor 08.00 geht’s los. Natürlich nicht ohne vorher das leckere und preiswerte Plastik-Frühstück auf der Hütte zu genießen (Ironie-Modus aus). Wir laufen bei bestem Wanderwetter auf dem Höhenweg der hier unter anderem auch die Bezeichnung 666 hat, über Boehütte (natürlich nicht ohne Stempel) und Pordoihütte (logisch, Stempel). Von dort zum Pordoijoch eine fiese Schotterstrecke bergab. Das ist genau das richtige für meine alten Knie. Dann kommen noch Fredarolahütte, kleines Bier auf der Terrasse mit Aussicht und für mich ein Klo und danach Viel dal pan Hütte. Dort wird Kaffeepause gemacht. In dieser Hütte lernen wir auch einen Thüringer kennen, der sich uns anschließt. Er will auch über den Gletscher und scheint auch nicht zum ersten mal in den Bergen unterwegs zu sein. Für gute Tipps sind wir immer zu haben und in einer 3er Seilschaft läuft es sich auch besser als nur zu zweit. Also gehen wir von der Hütte in Richtung Stausee Lago di Fedaia, am Fuße des Marmolad-Gletschers.  Auf diesem Weg gibt es noch gute Möglichkeiten für Ego-Shoots. Jetzt fängt es auch endlich an zu regnen. Hat sich ja ganz schön Zeit gelassen, das schlechte Wetter. Am Ende der Staumauer stehen ein paar Hotels und Wohnhäuser. Ortschaft wäre zu viel gesagt. Dort suchen wir uns ein Hotel um morgen den Gletscher zu bezwingen. Wir überlegen noch, ob man sich einen Bergführer für die Tour engagiert, aber der Thüringer hat schon Gletschererfahrung und nach einem Telefonat mit einem Bergführer, der die Sache relativiert und dem Gespräch mit dem Hotelwirt entscheiden wir uns nur zu dritt zu laufen. Muss ich erwähnen, dass ich noch mehr im Arsch bin als gestern? Marc scheinen die Anstrengungen der letzten Tage überhaupt nichts auszumachen. Oder kann er seine Schmerzen nur besser verbergen? ;-) Im Hotel haben wir ein 3-Bett Zimmer mit Dusche. Also mal richtig Luxus. Obwohl es unter dem Strich nicht teurer ist als manch eine Hüttenübernachtung. Zumindest die nächste Übernachtung oben auf dem Gletscher wird uns mehr kosten. Nachdem jeder mehr oder weniger gründlich seinem Körper etwas  Hygiene angetan hat, setzen wir uns ins Restaurant an den Kamin wo schon ein kleines Feuer prasselt, um uns noch mal die Bäuche voll zu schlagen. Wir quatschen über alles Mögliche, unter anderem auch über Höhenmesser. Als ich stolz meinen präsentieren will, zeigt der nur ein dunkles Display. Das ist ja mal wieder typisch. Aber irgendwann geht alles mal kaputt. Also werden wir die nächsten Kilometer nur schätzen. Nach eins, zwei Feierabendpilsen geht es wieder recht früh ins Bett. Ich werde übrigens in dieser Nacht von einem berlinisch/thüringischen Duo unterhalten. Marc hat folgenden Vorteil, auf den ich sehr neidisch bin: in dem Moment, wo sein Kopf das Kissen berührt schläft er auch schon. Wer es nicht selbst gesehen hat, wird es nicht glauben. Aber ich kann es nur bestätigen. Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden so schnell einschlafen gesehen. Das an sich ist ja noch nicht unterhaltenswert. Was folgt nach seinem sofortigem einschlafen? Treue Leser werden es aus unzähligen ILF-Geschichten kennen, er fängt auch in dieser Sekunde an zu schnarchen.

 

Wenn man so wie ich bei schnarchen nicht einschlafen kann, hat man ein Problem. Vor ihm einschlafen ist aber auf Grund seiner Guinessbuchrekord verdächtigen Zeit unmöglich. Na gut, irgendwann hab ich mich leise in den Schlaf geweint, da fängt Thüringen an im Schlaf zu sprechen. Er kann richtige Geschichten im Schlaf erzählen. Sie ergeben zwar keinen Sinn, aber er ist trotzdem richtig am erzählen. Er hatte uns auch am Abend vorgewarnt, aber dass es so extrem wird, hätte ich nicht gedacht. Vorteil der ganzen Sache, von dem Gequatsche wird Marc wieder wach. Also muss ich meinen Einschlafpunkt irgendwo dort setzen wo Thüringen noch labert, aber Berlin noch nicht am Sägen ist. Das ist gar nicht so einfach, kann ich euch sagen. Ich schlafe also heute in kurzen Etappen. Aber Applaus kann das Schlaf-Entertainment -Duo dafür von mir nicht erwarten ;-)

Gehzeit: von 08.00 – 16.30 Uhr

Größte Höhe: 2943 m

Meter hoch: 1645 m

Meter runter: 1682 m

Kilometer geschätzt: ca. 15 Km

 

Do. 4.9.

Um 07.30 Uhr gibt es Frühstück. Um 08.30 stehen wir an der Seilbahn. Von hier könnte man auch laufen. Da wir aber nicht wissen, was uns heute erwartet, sind wir uns einig, dass es besser ist durch Benutzung der Seilbahn ein bisschen Zeit zu sparen. Im Nachhinein betrachtet eine weise Entscheidung. Erwähnte Seilbahn hat aber keine Kabinen sondern so eine Art offene Metallkörbe für maximal 2 Personen ohne Gepäck. Der Seilbahn-Beauftragte stopft mich und Marc trotz unserer mächtigen Rucksäcke in einen Korb. Ich stehe also wie ein Fragezeichen verbogen in dem Ding schaue in die Richtung, die mir meine Position erlaubt und genieße die äußerst frische Luft. Man merkt, dass wir dem Gletscher näher kommen. Will ich wissen, was auf der anderen Seite zu sehen ist, brauche ich nur Marc zu fragen.

Gegen 09.00 Uhr sind wir da, wo der Gletscher kalbt. So er denn noch groß genug wäre und es einen See gäbe. Wer diesen Gletscher noch mal sehen will, sollte sich beeilen. Der wird wohl bald nicht mehr da sein. Als erstes versuchen wir eine Spur oder einen Weg zu finden. Man sieht schon andere Seilschaften auf dem Gletscher. Aber so etwas wie eine Hauptroute scheint es nicht zu geben. Das Wetter entscheidet sich heute mal wieder gegen uns. Von oberhalb des Gletschers ziehen Wolken herauf, so dass man den Gipfel und wenig später auch den Gletscher kaum noch sieht. Wir entscheiden uns dafür, den Gletscher auf seiner linken Seite anzugehen bis zu einem Felsvorsprung und dann nach rechts am Felsen zu queren um direkt über den Gletscher zu laufen und den Einstieg in einen Klettersteig zu finden, der oberhalb des Gletschers den Aufstieg über Schneefelder bis zum höchsten Punkt der Capanna Punta Penia ermöglicht. Dazu muss man sagen, dass wir eigentlich verkehrt herum laufen. In Reiseführern wird die Route normalerweise anders herum beschrieben. Man geht über den Westgrat (langer, anstrengender Klettersteig) hinauf und umgeht den Gletscher damit rechts um dann über den Gletscher nach unten zu laufen. Unsere ersten Meter über Eis sind entgegen der Erwartung nicht glatt. Es sieht aus, als hätte hier der Winterdienst ganze Arbeit geleistet und den Gletscher gestreut. Auf dem Eis liegt, wahrscheinlich bedingt durch Erosion und ähnliches, eine dünne Sandschicht. Man kann ohne Hilfsmittel schnell Meter machen. Hier finden wir auch ein paar Fossilien. Man möchte es heute kaum glauben, aber die ganze Gegend hier war tatsächlich mal ein Meer. Auch über Fundstücke aus dem 1. Weltkrieg sollte man sich nicht wundern. Die Österreicher sollen direkt im Gletscher Stellungen gehabt haben. Je höher man kommt, desto glatter und auch steiler wird die Sache. Wir entscheiden uns nach kurzer Zeit uns jetzt anzuseilen und Steigeisen und Pickel zur Hilfe zu nehmen. Thüringen allerdings hat so was gar nicht dabei. Er probiert es mit seinen Wanderstiefeln und Trekkingstöcken.

Zwischendurch muss ich die beiden aber wieder alleine ziehen lassen, um (Premiere) das erste mal in meinem Leben auf einem Gletscher mein Geschäft zu verrichten. Gar nicht so einfach hier ein stilles Örtchen zu finden. Quasi unmöglich. Fragt nicht. Schon nach kurzer Zeit kommt dann unsere erste große Gletscherspalte. Genau in diesem Moment kommt uns auch eine 3-er Seilschaft von oben entgegen. Thüringen und Marc sind schon auf der anderen Seite. Ich warte noch vor der Spalte, damit die andere Seilschaft vorbei kann. Und da ist es auch schon passiert. Der erste der anderen Seilschaft bricht ein und fällt in die Spalte. Hhmmm, jemand ´ne Ahnung von Spaltenbergung? Die zweite der Seilschaft rutscht über das Eis Richtung Spalte. Der Dritte der Truppe, wie sich später herausstellt ein Bergführer, schafft es die ganze Seilschaft mittels einer Eisschraube zu sichern. Dieses Ausrüstungsdetail wird sich bei meiner nächsten Gletscherbegehung sicher auch in meinem Besitz befinden. Die Vorstellung gerade war sehr überzeugend. Die Seilschaft Berlin/Thüringen guckt jetzt aber erstmal dumm aus der Wäsche. Da ich der Spalte am nächsten bin, robbe ich mich auf dem Bauch vor bis ich in sie hineinschauen kann. In der Hoffnung nichts allzu schlimmes zu sehen. Ich kann aber recht schnell Entwarnung geben. Der gestürzte versucht schon wieder von alleine aus der Spalte zu krabbeln. Er ist nicht sehr tief gefallen und in der Spalte gibt es genügend Vorsprünge auf denen er nach oben klettern kann. Allerdings reicht sein Seil nicht. Da ich im Moment nicht weiter helfen kann, beobachte ich sie Sache aus meiner Position und versuche dem Bergführer beizubringen er soll mehr Seil geben. Da dieser aber aus seiner Position nichts sehen kann, denkt er wahrscheinlich, wenn er Seil gibt würde der andere noch tiefer fallen und hält immer dagegen. Beim dritten Versuch unterstützt von Marc und Thüringen gibt er dann endlich langsam etwas Seil. Sehen wir so wenig vertrauenerweckend aus? Durch das nachgebende Seil kann der Gestürzte auf meine Seite der Spalte springen. Jetzt stört nur noch ein großer Eisvorsprung, den ich von oben mit meinem Eispickel wegschlage und schon kann ich den armen Kerl aus der Spalte ziehen. Die Frau und der Bergführer gehen über die Spalte und dann bekommen wir noch mit wie sich die beiden erstmal was anhören können. Obwohl ich nicht wüsste wie man diese Sache hätte verhindern können. Jetzt gibt es vom Bergführer erstmal einen Einführungskurs für die beiden „Verhalten beim Stürzen auf Gletschern“. Die ganze Angelegenheit lässt mein Vertrauen in die Spalte nicht gerade nach oben schnellen. Aber Marc und Thüringen ziehen mein Seil so straff, dass sie mich im Zweifel wahrscheinlich einfach über die Spalte zerren könnten. Vielleicht hat der erste sich nur durch unsere Anwesenheit ablenken lassen und deswegen nicht genau auf seine Schritte beim überqueren der Spalte geachtet. Na ja, die Sache ist glimpflich ausgegangen, er hat sich nichts Schlimmes getan, so dass wir unseren Weg fortsetzen. Also weiter übers Eis. Zwischendurch können wir immer kleine Pausen machen wogegen ich nichts habe, weil sich Marcs Steigeisen öfter mal von seinen Schuhen verabschieden. Die verstehen sich wohl nicht so gut miteinander. Nicht auszudenken, wenn ihm eines mal den Berg runterrutscht. Irgendwann ist dann das Glatteis besiegt und es beginnt ein kleiner Klettersteig. Der geht zwar fast senkrecht, hat aber viele Griffe und Tritte, so dass wir schnell oben sind. Jetzt muss man noch über eine riesige Schneewechte. Das heißt die Eisen, die wir für den Steig gerade ausgezogen haben wieder unter die Schuhe. Training hat noch keinem geschadet. Nach der Wechte geht es noch eine gefühlt Ewigkeit über Schnee- und Geröllfelder. Und auch die Höhe, mittlerweile über 3000 Meter, ist meiner Kondition mal wieder nicht zuträglich. Da der Nebel hier oben sehr dicht ist, sehe ich das Gipfelkreuz beziehungsweise die Capanna Punta Penia (Hütte) erst als ich mit meinem Helm dagegen renne. Die beiden feinen Herren meiner Gesellschaft haben es sich schon wieder in der Hütte gemütlich gemacht. Sie haben quasi alles stehen und liegen gelassen um endlich aus dieser Suppe ins trockene und warme zu kommen. Allerdings hätte es auch ganz anders kommen können. Wie uns der Hüttenwirt, schönen Gruß an Alex, später erzählt, hätte er nicht mehr lange gewartet und wäre dann in Ermangelung von Kundschaft nach unten gelaufen um dort in seinem Haus zu schlafen.

Wir hätten dann also vor verschlossener Tür gestanden. Da will ich nicht dran denken, was wir dann hätten machen müssen. Es ist jetzt 15.00 Uhr. Also die richtige Zeit für einen schönen Kaffee und ein selbstgemachtes! Stück Kuchen. Auf dieser Hütte ohne Strom und Wasser (also nur Batterien und Gas) sicher eine Leistung. Thüringen überlegt, jetzt noch weiter zu gehen. Aber Marc und ich werden es uns die Nacht wohl hier gemütlich machen. Wir sind mal wieder durch mit dem Thema. Nach Kaffee und Kuchen ist Thüringen soweit auch hier zu bleiben. Darauf hin legen sich die beiden erstmal auf die Bänke und machen eine kleine Siesta. Ich genieße die nicht vorhandene Aussicht und schreibe ein paar Postkarten und an unserem Tagebuch. Außerdem komme ich hier wieder in den Genuss einer „Toilette“. Das nenne ich ja mal eine exponierte Lage. Die haben einfach vier Bretter zu einer Art Holz-Dixi zusammen genagelt und diese Kiste dann über den Abgrund der Südwand (fast 1000 Meter steil nach unten) des Marmolada-Gletschers gestellt. Es gibt, wie nicht anders zu erwarten, hier oben keine Kanalisation. Die Keramikschüssel in der Kiste auf der man sitzt hat unten einfach nur ein Loch. Die Sachen landen also ein paar hundert Meter weiter unten im Tal. Beim heutigen Wetter also Nebel, Kälte, viel Wind ist dieser Stuhlgang durchaus als Abenteuer zu bezeichnen. Wenn man nicht aufpasst wird man von einer Böe bald über die Kante geweht. Lustig ist auch der Versuch, das Papier nach getaner Arbeit loszuwerden. Wenn man es wie gewohnt in der Schüssel lassen will wird es durch den Luftstrom der die Südwand nach oben pfeift sofort wieder nach oben gewirbelt und damit auch durch die Dixi-Kiste. Weil die Schüssel ja nach unten offen ist. Das Papier berührt den Boden nicht sondern wirbelt, wenn man den Allerwertesten schnell genug von der Schüssel bekommt, um es nicht gleich wieder an selbigem kleben zu haben, lustig um den Kopf herum. Man muss also versuchen es mit den Händen wieder einzufangen und auf einen Moment warten wo der Föhn von unten kurz aufhört, es schnell in die Schüssel werfen und mit etwas Wasser aus dem bereit gestellten Eimer nachspülen und schon ist die Sache erledigt. Eigentlich ganz einfach. Und danach natürlich ordentlich Hände im Schnee waschen. Ich habe meine so lange gewaschen bis sie rot und blau waren. Wir machen noch die obligatorischen Fotos vor dem Gipfelkreuz (Sicht 10 Meter, schade) und sehen zu, dass wir wieder schnell in die Hütte kommen. Echt kein Kaiserwetter heute. Alex der Hüttenwirt erzählt uns später noch wie lange er braucht um hier hoch zu seiner Hütte zu kommen. Ich hoffe ich habe mich verhört. Er braucht eine Stunde… wenn man unsere Pausen, die Spaltenbergung und so weiter abrechnet sind wir bestimmt 4 bis 5 Stunden gelaufen. Er meint aber noch er kennt den kürzesten Weg und hält sich auch nicht mit Spielereien wie Steigeisen oder Pickel auf. Hmm. Da sind also noch Reserven bei uns. Aber jetzt gibt es erstmal lecker Abendbrot und ein Gipfelpils. Wir haben mit dieser Hütte auch unseren höchsten Punkt der Reise erreicht. Wir schlafen heute auf über 3300 Metern. Bei dem Wetter, der Wind pfeift um die Blechverkleidete Hütte und reißt und zerrt an dem Ding, nicht einfach. Auch die Kojen, zwei große Bretter übereinander genagelt nach Art eines Doppelstockbettes für jeweils 3 Personen, sind eher einfach gehalten. Aber mehr Luxus braucht hier oben niemand. Nach dem Essen quatschen wir noch ein bisschen und überlegen uns wie wir am nächsten Tag weitergehen. Thüringen will den Höhenweg 2 noch weitergehen. Aber ich und Marc müssen uns morgen wieder in Richtung Grödnerjoch auf den Heimweg machen. Wir hätten noch einen Tag länger. Aber der Weg ist ab jetzt nicht mehr so interessant und unser Ziel war es auf jeden Fall den Gletscher zu schaffen. Also finden wir es nicht schlimm einen Tag früher zu Hause zu sein.

Gehzeit: von 09.00 – 15.00 Uhr

Größte Höhe: 3342 m

Meter hoch: 700 m

Meter runter: 0 m

Kilometer geschätzt: ca. 8Km

 

 

 

 

Fr. 5.9.

Natürlich beginnt der Tag wieder mit leckerem Plastikfrühstück, aber wir sind ja nicht verwöhnt. Wir bezahlen beim Wirt ein kleines Vermögen für Übernachtung, Essen und Getränke und los geht’s. Der Hüttenwirt gibt uns noch Tipps für den Rückweg, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass neulich auf dem Weg über einen Teil des Westgrats zurück Richtung Hochfassatal ein Bergsteiger tödlich verunglückt ist. Also genau da wo wir jetzt lang wollen. Wir verabschieden uns und gehen los. Die Sicht ist wie gestern, also nicht vorhanden. Wir kommen recht schnell ans erste Stahlseil und machen uns an den Abstieg. Marc macht heut mal keinen so guten Eindruck. Es fängt auch langsam an zu regnen, der Wind frischt auf. Also alles in allem mal wieder ein richtig schöner Tag. Thüringen erzählt uns derweil alles mögliche Unzusammenhängende (er wird doch nicht eingeschlafen sein?) und spekuliert darüber, wo der Bergsteiger auf dieser Route denn wohl abgestürzt sein kann. Ich bin der Meinung das hilft uns nicht weiter. Das sage ich ihm auch recht deutlich. Denn mir und ich glaube auch Marc ist schon wieder ein bisschen mulmig im Bauch. Marc und ich haben wahrscheinlich unsere Rücktour beim letzten Mal im Kopf. Es herrschten ähnliche Verhältnisse. Und es hat auch überhaupt keinen Spaß gemacht den Klettersteig von der Pisciadu runter im Regen zu machen. Irgendwie ist der Berggeist heute wieder nicht mit uns. Wir versuchen das Beste draus zu machen. Runter müssen wir sowieso und eine Alternativroute in unsere Richtung gibt es nicht. Der Regen wird stärker, läuft mir also bei senkrechten Stücken wieder durch die Ärmel in die Jacke und der Wind versucht mir den Rucksack vom Rücken zu ziehen. Einige Stücke sind für mich so knifflig, dass ich kaum weiß, wie ich da weiterkommen soll. Aber runter muss ich. Ob ich will oder nicht. So langsam habe ich keine Lust mehr. Meine Reserven wären dann aufgebraucht. Das Problem ist wieder, dass keiner sagen kann, wie lange wir hier noch in der Wand hängen. Nach jedem Absatz, wo man denkt es geschafft zu haben, kommt wieder das nächste fiese Stück. Am Abzweig, hier kann man entweder runter Richtung Fassa oder den Westgrat weiter, kommen uns drei Leute entgegen. Sie gehen den „richtigen“ Weg. Also über den Westgrat hoch und dann über den Gletscher wieder runter in den Ort. Aber wir haben jetzt auch nur noch ein kleines Stück Klettersteig vor uns und dann sind wir auf der anderen Seite des Gletschers im Tal. Ab jetzt ist es nur noch Fleißarbeit. Aber meine Knie sind jetzt schon wieder so weich, dass ich kaum noch Bergab laufen kann. Ich erinnere mich wieder ans letzte Mal. Da war es am letzten Tag genau so. Doch wieder zu wenig Fahrrad gefahren und Treppen gelaufen im Winter :-( In Sichtweite ist schon die Contrinhütte. Endlich an der angekommen (natürlich wieder stempeln) verabschieden wir uns von Thüringen und gönnen  uns erstmal ein Mittagessen. Ich nehme eine riesige Portion Spaghetti. Die waren jetzt auch wirklich angebracht. Ich bin so was von im Arsch. Ab jetzt geht es aber wirklich nur noch normal weiter auf gut ausgebauten Wanderwegen entlang eines Baches Richtung Zivilisation. Jetzt kommen wir endlich mal dazu noch ein paar Fotos zu schießen. In den letzten Tagen sind auf Grund der schlechten Sicht und der Konzentration aufs Wesentliche nicht viele Bytes auf Marcs Memorystick gelandet. Unter anderem laden ein paar grasende Kühe zum Shooting ein. Marc wird schon wieder mutig und geht für meine Begriffe unverantwortlich nahe an einen Bullen ran. Der vermittelt ihm auch sofort mittels eines Schnaubers (?) seine Abneigung gegen Fotos. So schnell wie Marc von der Wiese springt scheint er Tatsache noch Reserven zu haben. Ich wäre in Ermangelung von Kraft wahrscheinlich einfach stehen geblieben und hätte mich über den Haufen rennen lassen. An der ersten Straße schnappen wir uns ein Taxi und lassen uns zum Grödner kutschieren, in der Hoffnung dort noch unseren Opel zu finden. Telefonisch haben wir in München bei Marcs Schwester schon wieder die Couch reserviert.

 

 

Auf dem Weg nach München machen wir eine kleine Kaffeepause an einer Tankstelle.

Man hätte uns beide, besonders mich, mal beim aussteigen filmen sollen. Ich komme kaum noch aus dem Auto raus, so brennen mir die Beine. Ich muss mich fast von Marc aus dem Auto ziehen lassen um dann die paar Meter zur Tanke zu humpeln und dort was zu trinken. In München angekommen werden gleich mal die Fotos angeschaut und nach dem Abendbrot geht es recht schnell ins Bett. Morgen haben wir nur noch die langweilige Autobahnfahrt nach Hause vor uns. So langweilig ist sie auch nicht. Wir haben ja unsere Stempel die wir uns anschauen können. Jetzt sind es schon 10.

Gehzeit: von 08.00 – 16.00 Uhr

Größte Höhe: 3342 m

Meter hoch: 0 m

Meter runter: 1500 m

Kilometer geschätzt: ca. 10 Km?

 

 

Brutto Tourenzeit: 28 Stunden

Maximale Höhe: 3342 m

Minimale Höhe: 1400 m

Summe Meter hoch: ca. 3000 m

Summe Meter runter: ca. 3500 m

 

 

 

 

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© 2008 Stefan Littmann